„Der kategorische Imperativ der Nerven und des Blutes“ – Ellen Keys Dispositiv einer Biopolitik im Geiste der Aufklärung? – Kevin Liggieri

Die Eugenik, als eine „Hygiene der Rasse“ gewinnt um 1900 verstärkt an Bedeutung und ist von vornherein nicht als bloße Theorie, sondern im Hinblick auf praktische Umsetzung angelegt. Der Philosoph Kevin Liggieri untersucht vor diesem Hintergrund Ellen Keys sozial- und reformpädagogisches Werk „Das Jahrhundert des Kindes“ (1900), das in der aktuellen pädagogischen Debatte wieder, zum Teil unkritisch, rezipiert wird. In der Zeit, in der dieses Werk erscheint, entwickelt sich die Eugenik langsam vom Stoff für Utopien zu praktisch orientierter, mit medizinischen und evolutionsbiologischen Ansätzen unterfütterten biopolitischen Bewegung. Der Mensch ist zur „Anthropotechnik“, also zur Selbstformung, verdammt. Sowohl Züchtung als auch Erziehung stellen dabei Arten des Zugriffes dar, die das „Mängelwesen“ Mensch verbessern sollen. Es ist also nicht verwunderlich, dass sich diese Diskurse miteinander vermengen. Am Ende des 19. Jahrhunderts dreht sich die humanistische Idee der Aufklärung eines Immanuel Kant oder eines Wilhelm von Humboldt unter dem Einfluss sozialdarwinistischen Gedankengutes (und damit eines Missverständnisses Darwins) gewissermaßen um und führt im 20. Jahrhundert zu den bekannten rassenpolitischen Katastrophen. Diese Tendenz zeichnet sich allerdings bereits bei Ernst Haeckel, der Darwins Schriften in Deutschland populär macht, ab. Aus der bürgerlichen Hygiene als Hilfe zur Gesunderhaltung wird Ende des 19. Jahrhunderts eine Pflicht zur Gesundheit, die sich bald über das Individuum hinaus auf die Rasse erstreckt. Darin lässt sich dann die Redeweise von wertvollem und wertlosem Leben begründen. Vererbung ist also von Anfang an kein neutrales Gebiet, sondern sofort biopolitisch umkämpftes Terrain. Ellen Key macht sich diese Entwicklung zu Eigen und dadurch, dass der Körper des Menschen zum Ansatzpunkt für Veränderung wird, wird eine Re-Materialisierung des Menschen möglich, die den idealistischen aufklärerischen Impulsen zuwider läuft. Key zielt auch auf eine Höherentwicklung des Menschen, die durch erzieherische Maßnahmen (eben auch auf eugenischer Ebene) erreicht werden kann und soll. Teil dieser Maßnahmen soll auch die Regulierung von Eheschließungen sein. Auf dem Altar des optimalen Lebens werden bei Key letztlich, mit pseudo-humanistischen Begründungen, behinderte oder missgestaltete Kinder geopfert.

Ellen Key bedient sich einerseits klassisch aufklärerischer Impulse, denn sie zielt auf eine Änderung der Psyche des Menschen, die dann aber andererseits in eine Eugenik im Sinne physischer Eingriffe (bis zum Leben nehmen) mündet und sich materialistisch vom Idealismus abgrenzt. „Ziehen“ wie auch „Züchten“ agieren beide auf eine bestimmte (mal bewusste, mal unbewusste) Weise mit Zwang und beide haben das Kind als Material und Produkt im Blick. In Kombination mit der Instrumentalisierung oft falsch verstandener (oder zurechtgebogener) naturwissenschaftlicher Theorien kann die Biopolitik im Sinne der Eugenik, scheinbar wissenschaftlich abgesichert, ihren letztlich menschenfeindlichen Kurs bis ins Konzentrationslager fortsetzen.

Der Volltext zu dieser Zusammenfassung findet sich in:                                                                                                          Ingensiep, H.W. / Popp, W. (Hrsg.): Hygiene-Aufklärung im Spannungsfeld zwischen Medizin und Gesellschaft. München/Freiburg: Alber-Verlag 2016.

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